Service-Wissen · BTX-Anwendungen

Botulinumtoxin bei chronischer Migräne

Das PREEMPT-Protokoll bei chronischer Migräne: Indikation, Vorgehen, realistische Erwartung. Mit klarer Abgrenzung zur ästhetischen Anwendung und ehrlicher Einordnung der Studienlage.

Editorial · Service-Wissen

Botulinumtoxin bei chronischer Migräne

Was Sie hier finden: Indikations-Abgrenzung chronische vs. episodische Migräne, das PREEMPT-Schema (155–195 IE auf 31–39 Punkte), Einordnung in die Therapie-Kaskade nach DGN-Leitlinie 2018, Voraussetzungen für die Behandlung. Buchungs- und Honorar-Informationen auf der Produktseite.

Botulinumtoxin gegen Migräne ist eine spezifische Therapie für einen klar definierten Patientenkreis — nicht für jede Migräne, nicht als Erstlinien-Behandlung. Die wichtigste Voraussetzung ist die chronische Migräne nach DGN-Leitlinie, und mindestens zwei zuvor erfolglos durchgeführte Prophylaxen. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, profitiert von einer evidenzbasierten Behandlung mit niedrigem Nebenwirkungsprofil — die anästhesiologische Vorbildung ist hier zentral, weil 31–39 präzise Injektionen multisegmental gesetzt werden.

Lesedauer · ca. 10 MinutenZielgruppe · Patientinnen mit gesicherter Migräne-DiagnoseLetzte Prüfung · 17. Mai 2026
Sektion 1 · Indikations-Abgrenzung

Chronische versus episodische Migräne

Die wichtigste Information vor jeder BTX-Migräne-Behandlung: Botulinumtoxin wirkt nicht bei jeder Migräne. Die DGN-Leitlinie 2018 spricht eine eindeutige Empfehlung aus — wirksam ist die Therapie nur bei chronischer Migräne. Bei episodischer Migräne haben mehrere große randomisierte Studien (n > 1600 Patienten) keine signifikante Wirksamkeit gegenüber Placebo nachgewiesen.

Definition chronische Migräne

Diagnose-KriteriumSchwellenwert
Kopfschmerztage pro Monatmindestens 15
davon Migränetagemindestens 8
Dauer der Symptomatikmindestens 3 Monate
Erfüllung der Migräne-Kriterien (ICHD-3)einseitig oder beidseitig, pulsierend, mittelschwer bis schwer, Verstärkung durch Bewegung, Übelkeit oder Photo-/Phonophobie
Diagnostische Voraussetzung. Die Diagnose der chronischen Migräne wird durch eine Neurologin oder einen Neurologen gestellt — typischerweise über ein Kopfschmerztagebuch über mindestens 3 Monate. Erst auf Basis dieser dokumentierten Diagnose wird die BTX-Therapie indiziert. Eine BTX-Behandlung ohne vorherige neurologische Abklärung wäre nicht leitliniengerecht.

Warum BTX bei episodischer Migräne nicht wirkt

Die Evidenz ist eindeutig: In einer 2009 publizierten Meta-Analyse mit 1601 Patienten konnte nach Stratifizierung für verschiedene Dosierungen kein signifikanter Effekt für den Einsatz von Botulinumtoxin bei episodischer Migräne gezeigt werden. Die American Academy of Neurology kommt 2008 zur Bewertung „wahrscheinlich unwirksam“. Pathophysiologische Hypothesen erklären das so: bei chronischer Migräne kommt es zu einer zentralen Sensibilisierung des Trigeminusnerv-Systems — Botulinumtoxin moduliert diese peripheren Schmerzbahnen vermutlich besser als die Migräne-Mechanismen episodischer Anfälle.

Sektion 2 · Therapie-Kaskade

Wo BTX in der Therapie-Kaskade steht

Die DGN-Leitlinie 2018 macht die Sequenz klar: Botulinumtoxin ist keine Erstlinien-Therapie. Es ist ein Verfahren, das nach erfolgloser medikamentöser Prophylaxe in Frage kommt.

Voraussetzungen vor BTX-Therapie

  • Mindestens zwei medikamentöse Prophylaxen wurden in adäquater Dosis über mindestens 2–3 Monate durchgeführt und waren unwirksam oder nicht verträglich
  • In Frage kommende Erstlinien-Prophylaxen sind unter anderem Betablocker (Propranolol, Metoprolol, Bisoprolol), Topiramat, Flunarizin, Valproinsäure und Amitriptylin
  • Außerdem muss ein klinisch relevanter Leidensdruck bestehen — Lebensqualitäts-Einschränkung, Krankenstand, Risiko eines Medikamentenübergebrauchs
  • Die Patientin muss umfassend über Wirkungen, Nebenwirkungen und das realistische Erwartungsfenster aufgeklärt sein

Alternative neuere Verfahren

Seit 2018 stehen für die Migräneprophylaxe zusätzlich CGRP-Antikörper zur Verfügung (Erenumab, Galcanezumab, Fremanezumab, Eptinezumab). Sie wirken über einen anderen Mechanismus (Blockade des Calcitonin Gene-Related Peptide bzw. seines Rezeptors) und sind sowohl bei chronischer als auch bei episodischer Migräne wirksam. In der Praxis stellt sich für viele Patientinnen die Frage: BTX oder CGRP-Antikörper?

Praktische Entscheidungslogik. Beide Verfahren sind nach erfolgloser medikamentöser Prophylaxe indiziert. CGRP-Antikörper wirken oft schneller (innerhalb von 4 Wochen), Botulinumtoxin nach 2–3 Behandlungszyklen vollständig. CGRP-Antikörper sind monatliche oder vierteljährliche Injektionen — Botulinumtoxin alle 12 Wochen. Die Entscheidung fällt typischerweise gemeinsam mit der behandelnden Neurologin oder dem behandelnden Neurologen, abhängig von Begleiterkrankungen, Vorbehandlungen und Patientenpräferenz.
Sektion 3 · Behandlungsschema

Das PREEMPT-Schema im Detail

Das standardisierte Behandlungsschema heißt PREEMPT — Phase III Research Evaluating Migraine Prophylaxis Therapy. Es wurde in zwei großen randomisierten Studien (PREEMPT 1 und 2 mit insgesamt > 1600 Patienten) etabliert und gilt heute als Standard.

Gesamtdosis pro Zyklus
155–195 IE
OnabotulinumtoxinA. Die niedrigere Dosis ist Standardausgangspunkt, höhere Dosis bei Bedarf.
Injektionspunkte
31–39
Über 7 anatomische Muskelgruppen verteilt — Schädel, Nacken, Schultergürtel.
Pro Injektionspunkt
5 IE
Standardmenge, gelegentlich angepasst bei „Follow-the-pain“-Strategie.
Behandlungs-Intervall
12 Wochen
Wirkdauer eines Zyklus. Frequenz wird im Verlauf an die individuelle Wirkdauer angepasst.

Die 7 Behandlungsregionen

MuskelgruppeAnzahl Punkte (beidseits)Dosis
Corrugator (Glabella)2 (1 pro Seite)10 IE
Procerus (Nasenwurzel)1 (zentral)5 IE
Frontalis (Stirn)4 (2 pro Seite)20 IE
Temporalis (Schläfe)8 (4 pro Seite)40 IE
Occipitalis (Hinterkopf)6 (3 pro Seite)30 IE
Cervical paraspinal (Nacken)4 (2 pro Seite)20 IE
Trapezius (Schultergürtel)6 (3 pro Seite)30 IE
Standard-Gesamtdosis31 Punkte155 IE

Die zusätzlichen 8 Injektionspunkte (für 195 IE Gesamtdosis) folgen der „Follow-the-pain“-Strategie: Wo die Patientin die Schmerzen am stärksten lokalisiert, werden weitere Punkte in Frontalis, Temporalis oder Occipitalis ergänzt.

Anatomische Präzision ist entscheidend. Die Injektionen erfolgen in definierten anatomischen Punkten — nicht „irgendwo in die schmerzende Region“. Jeder Punkt ist über palpierbare Knochenstrukturen, Muskelfaser-Verlauf und Mediopupillarlinien definiert. Eine sorgfältige Markierung vor der Behandlung ist Standard. Behandlungsdauer typisch 20–30 Minuten.
Sektion 4 · Wirkmechanismus

Wirkmechanismus und Wirksamkeit

Botulinumtoxin Typ A wirkt an der neuromuskulären Endplatte — es spaltet das SNARE-Protein SNAP-25, was die Freisetzung des Neurotransmitters Acetylcholin verhindert. Bei der Migräne ist dieser Mechanismus aber nicht hinreichend — denn Migräne ist keine reine Muskel-Erkrankung.

Drei Wirkhypothesen

  • Modulation perizraner Schmerzbahnen. Botulinumtoxin hemmt nicht nur die motorische Endplatte, sondern auch die Freisetzung von Schmerzmediatoren (CGRP, Substanz P) an sensorischen Nervenendigungen. Diese Hemmung erfolgt offenbar an den trigeminalen Schmerzbahnen.
  • Reduktion der peripheren und zentralen Sensibilisierung. Bei chronischer Migräne ist das Trigeminusnerv-System überreaktiv. Botulinumtoxin reduziert das Aktivierungs-Niveau und unterbricht damit den Übergang in zentrale Sensibilisierung.
  • Muskeltonus-Reduktion in der „Schmerzkette“. Verspannungen in Stirn, Schläfen, Nacken und Schultern sind häufige Begleiter chronischer Migräne. Die Schwächung dieser Muskeln reduziert tonische Schmerzauslöser.

Wirksamkeit in den Studien

EndpunktBTX-GruppePlacebo
Reduktion Kopfschmerztage pro Monat (24 Wochen)−8,4 Tage−6,6 Tage
≥ 50 % Reduktion der Kopfschmerztageca. 47 %ca. 35 %
Reduktion der Schmerzintensitätsignifikant
Nebenwirkungen gesamt62,4 %51,7 %
Realistisches Erwartungsfenster. Botulinumtoxin ist keine Heilung der Migräne. Es reduziert die Anzahl der Kopfschmerztage um etwa 50 % bei einem Teil der Patientinnen. Die volle Wirkung ist erst nach 2–3 Behandlungszyklen (etwa 6–9 Monaten) sichtbar. Patientinnen, die nach dem ersten Zyklus keinen Effekt spüren, sollten nicht aufgeben — der Erstzyklus wird oft als „Einstellungs-Phase“ beschrieben.
Klinische Praxis

Pragmatischer Behandlungsversuch — klinische Erfahrung jenseits der Leitlinie

Die DGN-Leitlinie 2018 stützt sich auf die randomisierten Phase-III-Studien (PREEMPT 1 und 2) und empfiehlt OnabotulinumtoxinA formal nur für die chronische Migräne. In der klinischen Praxis der Anästhesiologie zeigt sich ein etwas breiteres Bild — das transparent dargestellt werden soll.

Beobachtungen aus der Praxis Ackermann

  • Episodische Migräne mit ästhetischer Indikation. Patientinnen, die wegen Glabella- oder Stirnfalten eine ästhetische BTX-Behandlung durchführen lassen und gleichzeitig an episodischer Migräne leiden, berichten im Verlauf wiederholt von einer Reduktion der Anfallshäufigkeit. Die ästhetische Behandlung ist hierbei die formale Indikation; die mögliche Mit-Wirkung auf die Kopfschmerzen ist ein anekdotischer Nebeneffekt — sie ist nicht in randomisierten Studien abgesichert.
  • Spannungskopfschmerz mit Mimik-Komponente. Bei Patientinnen mit chronischem Spannungskopfschmerz und deutlicher Verspannungs-Komponente in Stirn, Schläfen oder Nacken kann ein BTX-Behandlungsversuch sinnvoll sein. Auch hier gilt: keine Wirksamkeits-Garantie aus der Studienlage, aber klinische Erfahrungen sprechen für einen Versuch.
  • Bruxismus-Komorbidität. Viele Migräne- und Kopfschmerzpatientinnen zeigen gleichzeitig Bruxismus (Knirschen) oder Clenching (Pressen) — siehe nächste Sektion.
Realistische Erwartung. Der pragmatische Behandlungsversuch wird offen kommuniziert: Im worst case bleibt der Kopfschmerz bestehen — aber die behandelten Regionen sind dann faltenfrei. Im best case reduziert sich zusätzlich die Anfallshäufigkeit. Diese Doppel-Logik ist die Basis für eine ehrliche Beratung: Patientinnen zahlen die ästhetische Behandlung, akzeptieren die nicht-garantierte Kopfschmerz-Modulation als möglichen Nebeneffekt.

Wann ein Versuch erwogen werden kann

KonstellationPragmatischer Versuch
Chronische Migräne mit erfüllten DGN-KriterienStandard-Indikation — PREEMPT-Schema empfohlen
Episodische Migräne + ästhetischer BehandlungswunschÄsthetische BTX mit transparenter Aufklärung zur möglichen Mit-Wirkung
Spannungskopfschmerz mit Mimik-KomponenteBehandlungsversuch nach individueller Abwägung
Bruxismus + Kopfschmerz-KomorbiditätKombination M. masseter + Stirn / Glabella

Die Entscheidung fällt immer nach ausführlichem Beratungsgespräch mit ehrlicher Risiko-Nutzen-Diskussion und transparenter Honorar-Information.

Komorbidität

M. masseter und Bruxismus — die häufige Komorbidität

Migräne und Bruxismus treten häufig gemeinsam auf. Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte aller Migränepatientinnen gleichzeitig Bruxismus-Zeichen aufweist — Knirschen, Pressen, Druckschmerz im Bereich des Kiefergelenks, morgendliche Kiefermüdigkeit.

Pathophysiologische Verbindung

Der M. masseter ist trigeminal innerviert (N. trigeminus, V3). Tonische Verspannung dieses kräftigen Kau-Muskels führt zu Schmerzleitung über trigeminale Bahnen — die gleichen Bahnen, die bei der Migräne sensibilisiert sind. Eine Schwächung des M. masseter kann daher drei Wirkungen zugleich entfalten:

  • Funktionale Wirkung: Reduktion des Bruxismus-Drucks, Linderung von Kiefergelenks-Beschwerden, Schutz der Zahnsubstanz
  • Schmerzmodulierende Wirkung: Reduktion der tonischen trigeminalen Aktivierung — möglicher Beitrag zur Migräne-Reduktion
  • Ästhetischer Mit-Effekt: Slim-Face-Effekt durch reduzierte Masseter-Hypertrophie

Mitbehandlung in der Praxis

Bei Migräne-Patientinnen wird im Erstgespräch immer der M. masseter palpiert — Hypertrophie, Druckschmerz und Bruxismus-Zeichen sind klare Indikatoren für eine Erweiterung des Behandlungs-Schemas. Die typische Dosis liegt bei 25–40 IE pro Seite, an 3 Injektionspunkten verteilt. Die Behandlung wird oft im selben Termin wie das PREEMPT-Schema durchgeführt.

Eine eigenständige Indikation. Die Bruxismus-Behandlung mit BTX ist eine eigenständige medizinische Indikation, unabhängig von der Migräne. Sie wird auf der Behandlungs-Seite Zähneknirschen und in der Editorial-Tiefenseite zur Masseter-Anatomie und Bruxismus-Behandlung näher beschrieben — mit detaillierten Informationen zur Dosis-Logik, dem typischen Behandlungsverlauf und der GKV-Erstattbarkeit bei dokumentierter Bruxismus-Diagnose.
Sektion 5 · Behandelnder Arzt

Wer behandelt — Neurologe oder Anästhesist?

Die DGN-Leitlinie 2018 formuliert diese Empfehlung explizit:

OnabotulinumtoxinA sollte in dieser Indikation nur von in der Diagnose und Therapie chronischer Kopfschmerzen erfahrenen Neurologen eingesetzt werden.
— DGN/DMKG S1-Leitlinie 2018, Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne

Was bedeutet das für unsere Praxis? Dr. Ackermann ist Facharzt für Anästhesiologie, nicht Neurologe. Diese Tatsache wird hier transparent dargestellt — sie ist relevant, und das ehrliche Modell ist ein kollaboratives:

Das kollaborative Modell

PhaseWerWas
DiagnoseNeurologe/NeurologinAnamnese, Kopfschmerztagebuch über 3 Monate, Diagnose chronische Migräne nach ICHD-3, Ausschluss sekundärer Ursachen
Therapie-StrategieNeurologe/NeurologinTherapiekaskade, Auswahl medikamentöse Prophylaxe, Entscheidung BTX vs. CGRP-Antikörper nach erfolgloser Prophylaxe
BTX-DurchführungPraxis Ackermann (oder Neurologe)Präzise Injektion nach PREEMPT-Schema, Komplikations-Management, Verlaufsbeurteilung
Verlauf und AnpassungNeurologe/Neurologin + Praxis AckermannWeiterhin Kopfschmerztagebuch, Zyklus-Anpassung, Entscheidung über Therapie-Fortführung

Warum die anästhesiologische Vorbildung relevant ist

Auch wenn die Diagnose durch Neurologen gestellt wird, ist die technische Durchführung der BTX-Migräne-Behandlung anspruchsvoll. 31–39 präzise gesetzte Injektionen über 7 anatomische Regionen verteilt, von Stirn bis Schultergürtel — das ist multisegmentale Arbeit, die anatomische Kenntnisse, Palpations-Sicherheit und dosis-präzise Steuerung verlangt. Die Anästhesiologie ist die ärztliche Spezialdisziplin, die dosis- und ortspräzise Pharmakologie am täglichen Arbeitsplatz übt — von Lokalanästhesien bis zu komplexen Nervenblockaden.

Im seltenen Komplikationsfall einer ausgeprägten Nackenmuskelschwäche ist die anästhesiologische Routine relevant: dosierte Wirkstoff-Steuerung, Erfahrung mit Muskel-Pharmakologie, sofortige klinische Beurteilung. Das ist die Vorbildung, die hier zum Tragen kommt.

Wie der Erstkontakt typischerweise abläuft. Patientinnen kommen oft mit dem Wunsch nach BTX-Migräne-Behandlung — aber ohne neurologische Vordiagnose. In diesem Fall wird im Beratungsgespräch erklärt, dass eine neurologische Abklärung vorgeschaltet sein sollte. Die Praxis Ackermann verweist auf befreundete Neurologen-Praxen in Erlangen, Nürnberg und Umgebung. Sobald die Diagnose der chronischen Migräne dokumentiert ist und mindestens zwei Prophylaxen erfolglos waren, kann die BTX-Therapie hier durchgeführt werden.
Sektion 6 · Sicherheit

Nebenwirkungen und Kontraindikationen

Die Verträglichkeit der BTX-Migräne-Therapie ist in den großen Studien gut dokumentiert. Die wichtigsten Nebenwirkungen sind die Folgen der Muskelschwächung in den Behandlungsregionen.

Häufige Nebenwirkungen

BeobachtungHäufigkeit (BTX vs. Placebo)Dauer
Nackenschmerzen6,7 % vs. 2,2 %1–3 Wochen
Muskelkaterartige Beschwerdengelegentlich3–7 Tage nach Injektion
Nackenmuskelschwächeselten4–12 Wochen
Kopfschmerz nach Behandlunggelegentlich1–3 Tage
Kosmetische Effekte (Mimik)häufig10–12 Wochen
Hämatome an Einstichstellenhäufig3–7 Tage
Lokale Reizung, Schmerzhäufig, kurz1–2 Tage
Kosmetische Mitwirkungen. Da das PREEMPT-Schema Injektionen in Stirn, Schläfen und Glabella vorsieht, kann ein kosmetischer Mitnahme-Effekt entstehen — geringere Stirnfaltenbildung, leichte Glättung der Glabella. Für viele Patientinnen ist das ein positiver Nebeneffekt. Wer eine besonders mimik-erhaltende Behandlung wünscht, signalisiert das im Beratungsgespräch — die Glabella- und Stirn-Punkte können bei Bedarf reduziert dosiert werden, ohne die antimigräne Wirkung wesentlich zu kompromittieren.

Absolute und relative Kontraindikationen

  • Absolut: Myasthenia gravis (Botulinumtoxin verstärkt die neuromuskuläre Übertragungsstörung), Schwangerschaft und Stillzeit (keine ausreichenden Sicherheitsdaten), bekannte Allergie gegen Botulinumtoxin oder Trägerproteine
  • Relativ: Therapeutische Antikoagulation (erhöhtes Hämatom-Risiko, individuell abwägen), bekannte Erkrankungen der neuromuskulären Übertragung (Lambert-Eaton, ALS, MG), Behandlung mit Aminoglykosiden oder anderen die neuromuskuläre Übertragung verstärkenden Medikamenten
  • Vorsicht: schwere Halswirbelsäulen-Erkrankungen (Injektion in cervical paraspinal Region), Lokalinfektionen an Injektionsstellen
Sektion 7 · Indikations-Abgrenzung

Was die Behandlung nicht ist

Fünf präzise Abgrenzungen

  • Sie ist keine Akutbehandlung. Die BTX-Migräne-Therapie behandelt nicht den einzelnen Migräneanfall. Wer mit akutem Migräneanfall kommt, braucht eine Akutmedikation (Triptan, NSAR), keine Botulinumtoxin-Injektion.
  • Sie ist keine Erstlinien-Therapie. Bevor BTX in Frage kommt, müssen mindestens zwei medikamentöse Prophylaxen über ausreichende Zeit (mindestens 2–3 Monate je Substanz) versucht worden sein. BTX ist eine Eskalation, nicht ein Erstangebot.
  • Sie ist keine ästhetische Behandlung. Auch wenn Stirn- und Glabella-Punkte zum PREEMPT-Schema gehören, ist die Behandlung medizinisch indiziert. Die Abrechnung folgt anderen Mechanismen als die ästhetische BTX-Behandlung; eine GKV-Erstattung ist im Einzelfall bei erfüllten Voraussetzungen möglich, aber nicht garantiert.
  • Sie ist nicht primär für die episodische Migräne zugelassen. Die randomisierten Phase-III-Studien zeigen keine signifikante Überlegenheit gegenüber Placebo bei episodischer Migräne — entsprechend ist die DGN-Empfehlung formal auf chronische Migräne beschränkt. In der klinischen Praxis (siehe Pragmatischer Behandlungsversuch) erleben einzelne Patientinnen dennoch eine Mit-Wirkung — diese Anwendung wäre off-label und erfordert transparente Aufklärung sowie eine klare Hauptindikation (typisch: ästhetisch).
  • Sie ersetzt nicht die neurologische Verlaufsführung. Auch unter laufender BTX-Therapie ist die regelmäßige neurologische Verlaufskontrolle wichtig — Kopfschmerztagebuch, Anpassung Akutmedikation, Beurteilung der Therapie-Wirksamkeit.
Sektion 8 · Vertiefende Fragen

Was Patientinnen tiefer wissen wollen

Wie weiß ich, ob ich chronische Migräne habe?

Die Diagnose stellt eine Neurologin oder ein Neurologe. Vor der Konsultation hilft ein Kopfschmerztagebuch über mindestens 3 Monate, das jede Kopfschmerz-Episode dokumentiert: Datum, Stärke (1–10), Dauer, Charakter (pulsierend/drückend), Begleitsymptome (Übelkeit, Photo-/Phonophobie), Auslöser (Stress, Wetter, Hormonzyklus). Wenn an mindestens 15 Tagen Kopfschmerzen auftreten und davon mindestens 8 das Bild einer Migräne haben — über mindestens 3 aufeinanderfolgende Monate — sind die Diagnosekriterien erfüllt.

Wie schnell wirkt die Behandlung?

Der erste Behandlungszyklus zeigt oft noch keinen vollen Effekt — viele Patientinnen erleben Vollwirkung erst nach dem zweiten oder dritten Zyklus (etwa 6–9 Monate nach Behandlungsbeginn). Diese Verzögerung ist normal und wird in den Studien beschrieben. Wer nach dem ersten Zyklus enttäuscht ist, sollte nicht abbrechen, sondern den zweiten Zyklus abwarten.

Wie lange muss ich die Therapie machen?

Die DGN-Leitlinie empfiehlt eine Therapie-Dauer von mindestens 6–12 Monaten bei nachweisbarer Wirkung. Bei guter Wirkung wird die Behandlung typischerweise über mehrere Jahre fortgeführt. Es gibt Hinweise aus Verlaufsstudien, dass die Wirkdauer mit den Zyklen länger wird — die Behandlungs-Frequenz kann sich über Zeit reduzieren.

Wird die Behandlung von der Krankenkasse übernommen?

Bei erfüllten Voraussetzungen ist eine GKV-Erstattung im Einzelfall möglich — vorausgesetzt, die Diagnose der chronischen Migräne ist neurologisch dokumentiert und mindestens zwei medikamentöse Prophylaxen waren nachweislich erfolglos. Die genauen Modalitäten variieren zwischen den Kassen. In der Praxis wird das individuell besprochen — viele Patientinnen wählen die Behandlung als Selbstzahlerleistung, manche reichen sie bei der Kasse ein.

Kann ich BTX und CGRP-Antikörper kombinieren?

Eine Kombination ist nach aktueller Datenlage nicht systematisch untersucht. In der Praxis kommt es selten zur Kombination, sondern eher zum Wechsel — wer mit BTX keinen ausreichenden Effekt hat, wechselt eventuell zu einem CGRP-Antikörper. Beide Verfahren sind moderne Standard-Therapien — die Entscheidung wird gemeinsam mit der behandelnden Neurologin oder dem behandelnden Neurologen getroffen.

Was passiert, wenn ich die Behandlung absetze?

Die Migräne kehrt typischerweise innerhalb von 12–24 Wochen in den vorherigen Frequenz-Bereich zurück. Es gibt keinen „Rebound-Effekt“ — die Migräne wird nicht schlimmer als vor der Behandlung. Ein Therapie-Pausen-Versuch ist im langfristigen Verlauf möglich und kann individuell sinnvoll sein.

Hat die BTX-Therapie Auswirkungen auf meine Mimik?

Da Stirn-, Glabella- und Temporalis-Region zum PREEMPT-Schema gehören, kommt es zu kosmetischen Mitnahme-Effekten — geringere Stirnfaltenbildung, leichtere Glättung der Augenpartie. Für viele Patientinnen ist das ein angenehmer Nebeneffekt. Wer eine besonders mimik-erhaltende Behandlung wünscht, signalisiert das im Beratungsgespräch — die Glabella- und Stirn-Punkte können reduziert dosiert werden.

Was tun bei starken Nackenschmerzen nach der Behandlung?

Nackenschmerzen sind die häufigste Nebenwirkung (etwa 6,7 % der Patientinnen). Sie entstehen durch die Injektion in die Nacken- und Trapezius-Muskulatur und klingen typischerweise innerhalb von 1–3 Wochen ab. Hilfreich sind: Wärme (Wärmekissen, warme Bäder), leichte Dehnübungen, NSAR bei Bedarf. Bei sehr ausgeprägter Nackenmuskelschwäche ist die akute klinische Bewertung wichtig — die anästhesiologische Routine im Komplikations-Management ist eine konkrete Stärke der Praxis.

Sektion 9 · Studienlage

Worauf sich die Behandlung wissenschaftlich stützt

DGN/DMKG S1-Leitlinie 2018 — Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne

Aktuelle deutschsprachige Leitlinie zur Migränetherapie. Empfiehlt OnabotulinumtoxinA in einer Dosis von 155–195 Units als Prophylaxe bei chronischer Migräne mit und ohne Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln. Explizit ausgeschlossen: Wirksamkeit bei episodischer Migräne. Bewertet die zwei großen randomisierten PREEMPT-Studien als ausreichende Evidenz-Basis.

© DGN 2018 · Federführend: Deutsche Gesellschaft für Neurologie + Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
Aurora SK et al., 2010 — PREEMPT 1 Studie

OnabotulinumtoxinA for treatment of chronic migraine: results from the double-blind, randomized, placebo-controlled phase of the PREEMPT 1 trial. Cephalalgia 30(7): 793–803. Große multizentrische Phase-III-Studie mit n = 679 Patienten. Definiert das standardisierte Injektionsschema (155–195 IE auf 31–39 Punkte), das heute als Standard gilt.

Phase-III-RCT · etabliert Standardprotokoll
Diener HC et al., 2010 — PREEMPT 2 Studie

OnabotulinumtoxinA for treatment of chronic migraine: results from the double-blind, randomized, placebo-controlled phase of the PREEMPT 2 trial. Cephalalgia 30(7): 804–814. Komplementäre multizentrische Phase-III-Studie mit n = 705 Patienten. Bestätigt die Ergebnisse der PREEMPT-1-Studie und liefert die Basis für die FDA- und EMA-Zulassung.

Phase-III-RCT · Bestätigungsstudie
Aurora SK et al., 2014 — Langzeitwirkung über 5 Zyklen

OnabotulinumtoxinA for chronic migraine: efficacy, safety, and tolerability in patients who received all five treatment cycles in the PREEMPT clinical program. Acta Neurol Scand 129(1): 61–70. Zeigt, dass die Wirkung über 5 aufeinanderfolgende Behandlungszyklen kontinuierlich zunimmt — die volle Therapiewirkung etabliert sich über 12–15 Monate.

Langzeit-Beobachtungsstudie
Jackson JL et al., 2012 — Meta-Analyse aller BTX-Migräne-Studien

Botulinum toxin A for prophylactic treatment of migraine and tension headaches in adults: a meta-analysis. JAMA 307(16): 1736–1745. Umfassende Meta-Analyse aller publizierten Studien zu BTX bei Migräne und Kopfschmerz. Bestätigt: signifikante Wirkung bei chronischer Migräne, keine Wirkung bei episodischer Migräne — die Basis der modernen Indikations-Abgrenzung.

Meta-Analyse · höchste Evidenzstufe

Die hier zitierten Arbeiten bilden das wissenschaftliche Fundament der DGN-Empfehlung. Die Datenlage ist umfassend: PREEMPT 1 und 2 zusammen umfassten > 1380 Patienten mit chronischer Migräne, gepoolte Analysen erreichen Patientenzahlen > 1115. Die Leitlinie aus 2018 wurde im iterativen Delphi-Verfahren von 20 Autoren erarbeitet.

Autor und letzte Prüfung
Dr. med. Thomas Ackermann · Facharzt für Anästhesiologie

Dr. med. Thomas Ackermann

Facharzt für Anästhesiologie · Ärztliche Leitung Harmonie der Ästhetik

Die BTX-Migräne-Therapie verlangt zwei Komponenten — eine fundierte neurologische Diagnose und eine präzise, multisegmentale Durchführung von 31–39 Injektionen über 7 anatomische Regionen. Für die Diagnose verweisen wir auf befreundete Neurologen-Praxen in der Region; die Durchführung ist hier in qualifizierten Händen. Die anästhesiologische Vorbildung ist das tägliche Handwerk für genau diese Art dosis- und ortspräziser Pharmakologie. Diese Seite wurde am 17. Mai 2026 zuletzt geprüft.

Vita und Werdegang →